02.05.2006 :: Frankfurt Senckenberg :: Evolution – Mensch – Kultur - Statement Schrenk
Biokulturelle Evolution des Menschen
Ein wesentliches Merkmal der Evolution des Menschen ist der Übergang von der biologischen zur biokulturellen Evolution, der sich zeitlich und geographisch gut eingrenzen läßt. Der Beginn der kulturellen Evolution stand im Zusammenhang mit einer Phase zunehmender Trockenheit im östlichen und nordöstlichen Afrika vor circa 2,8 bis 2,5 Millionen Jahren. Die offenen Lebensräume mit einem höheren Anteil an trockenresistenten, hartfaserigen und hartschaligen Pflanzen dehnten sich aus. Der Selektionsdruck dieser Habitatänderung erhöhte die Chancen für Säugetiere mit großen Mahlzähnen, die sich das härtere Nahrungsangebot der Savannen erschließen konnten. Es gab jedoch eine Alternative, die ebenfalls dazu geeignet war, der bei steigender Trockenheit zunehmend härteren Nahrung entgegenzuwirken: die Benutzung von Steinwerkzeugen zum Hämmern harter Nahrung.
Diese Erfindung zeigte bald Vorteile in unvorstellbarem Ausmaß. Zufällig entstehende scharfkantige Abschläge wurden als Schneidewerkzeuge eingesetzt:
eine Revolution in der Fleischbearbeitung und der Zerlegung der Kadaver. Zwar sind Hilfsmitteln im Tierreich und vor allem bei den höheren Primaten weit verbreitet, unter dem Druck der Umweltveränderungen vor 2,5 Mio. Jahren war es aber gerade die Fähigkeit der Hominiden zu kulturellem Verhalten also zur Herstellung dieser Werkzeuge, die unsere eigene Gattung Homo entstehen ließ.
Die zunehmende Unabhängigkeit vom Lebensraum führte allerdings zu zunehmender Abhängigkeit von den Werkzeugen, bis heute ein charakteristisches Merkmal des Menschen. Während in der biologischen Evolution die Information über die Gene von Generation zu Generation weitergegeben wird, geschieht dies in der kulturellen Evolution letztlich über die Sprache, auch von Individuum zu Individuum. Dieser Informationstransport ist wesentlich schneller und führt zu immer stärkerer kultureller Veränderung. Neben Transport von Information bot Kultur auch die Möglichkeit von externer Informationsspeicherung: der Ursprung von Büchern und Betriebssystemen. Die Entwicklung des Menschen verlief weder zielgerichtet noch zeitlich in allen Merkmalen synchronisiert.
Fast alle Evolutionsmerkmale des Menschen, wie Werkzeugkultur, Kommunikation, Sozialverhalten, Gehirnstruktur und Körperbau sind in irgendeiner Form schon bei unseren Primaten-Vorgängern angelegt. Während die Faktoren der biologischen Evolution langsam an Bedeutung abnahmen, stieg die Zahl der Entwicklungsfortschritte bei der kulturellen Evolution stetig an. Vor wenigen hunderttausend Jahren beginnt sich ein Synergie-Effekt unterschiedlicher Faktoren biokultureller Evolution auszuwirken. Mit gleichzeitiger Erhöhung der sozialen Organisation wird eine neue Qualität des Lebens im Tierreich erreicht. Jetzt entsteht, was oft als Charakteristikum des Menschen angesehen wird: Kognition und Bewußtsein.
Prof. Dr. Friedemann Schrenk
Professor für Paläobiologie
Abteilungsleiter der Sektion Paläoanthropologie
Forschungsinstitut und Naturmuseum Senckenberg
Senckenberganlage 25
60325 Frankfurt
Telefon: 069 7542 260
Fax: 069 7542-558
Mail: fschrenk@senckenberg.de
Web: www.senckenberg.de || www.palaeo.net
Vita Prof. Dr. Friedemann Schrenk
1956 in Stuttgart geboren. Studium der Geologie, Paläontologie, Zoologie, Anatomie und Anthropologie in Johannesburg und Frankfurt, Dissertation über ein schädelanatomisches Thema; 1987 am Zentrum der Morphologie in Frankfurt.
1987-88 Assistent am Institut für Zoologie der Universität Tübingen.
1989 am Hessischen Landesmuseum Darmstadt,
seit 1990 Leiter der Paläontologischen Abteilung.
1992-1999 stellv. Direktor des Hessischen Landesmuseums Darmstadt.
1994 Habilitation an der TU Darmstadt im Fach Paläontologie.
seit 2000: Professur für Paläobiologie am Institut für Zoologie der Universität Frankfurt und Leitung der Abteilung Paläoanthropologie und Quartärpaläontologie am Forschungsinstitut Senckenberg.
Arbeitsschwerpunkte:
Paläoanthropologie, Biogeographie und Evolutionsökologie des
Plio-Pleistozäns Afrikas (mit Geländearbeiten in Malawi, Tanzania & Kenya), Evolutions- und Funktionsmorphologie der Säugetiere, Vergleichende Konstruktionsmorphologie von Hartgeweben.
Friedemann Schrenk besitzt die einzige Grabungslizenz in der Wiege der Menschheit, in Ostafrika. Im Nord-Süd-Korridor, heute vor allem in Malawi und Tansania, sind seine Projekte seit langem etabliert und erfolgreich.
Seine bedeutendsten Funde sind ein bezahnter Unterkiefer (UR 501) von Homo rudolfensis sowie ein Oberkiefer-Fragment mit erhaltenen ersten beiden Backenzähnen des Australopithecinen Paranthropus boisei (RC 911).
Im Norden Malawis, in Karonga, ist aufgrund seiner Initiative und mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und der Uraha-Stiftung ein Kultur- und Museumszentrum gegründet worden, das u.a. seine Vormenschenfunde beherbergen soll. Es soll ferner der lokalen Bevölkerung vermitteln, dass der Mensch sich in Afrika entwickelt hat – dies ist den meisten Afrikanern heute noch nicht bewusst.
Ausgewählte Publikationen:
Friedemann Schrenk: Die Frühzeit des Menschen. Der Weg zum Homo Sapiens. 1997 (C.H.Beck Wissen), ISBN 3406410596;
Bromage, T. & Schrenk, F. (Hrsg.): African Biogeography, Climate Change and Early Hominid Evolution. 1999: New York Oxford University Press);
Friedemann Schrenk, Timothy G. Brommage: Adams Eltern. Expeditionen in die Welt der Frühmenschen. 2002 (C.H.Beck), ISBN 3406486150:
Friedemann Schrenk, Stephanie Müller: Die Neandertaler. 2005 (C.H.Beck Wissen), ISBN 3406508731;
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