02.05.2006 :: Frankfurt Senckenberg :: Evolution – Mensch – Kultur - Statement Weigel

Die zahlreichen Mißverständnisse, die in den Debatten über die ‚Evolution der Kultur’ zu beobachten sind, gründen in einem unklaren Begriff von Kultur.

Hier ist es hilfreich zu unterscheiden zwischen (1) den Universalien, d.h. solchen Fähigkeiten wie Werkzeug- und Zeichengebrauch, die sich bei Menschen und Primaten finden, und (2) dem Kulturbegriff der Humanities, der eine reflexive, semantische, historisch veränderbare Kultur meint und symbolische Formen Kulte, Artefakte, Kulturtechniken, Wissen, Kunst u.a. einschließt. Dieser Art von Kultur ist mit einem evolutionstheoretischen Ansatz nicht beizukommen. Nicht nur, weil (wie Darwin selbst konstatiert hat) die Gesetze der Evolution durch kulturelle Phänomene relativiert bzw. außer Kraft gesetzt werden. Auch produziert der Versuch, die Evolutionstheorie auf kulturelle Gegenstände zu übertragen, grundlegende methodische Probleme, da kulturelle Phänomen darin notwendig wie Arten behandelt werden: Um Einheiten zu konstruieren, werden sie aus den vielfältigen, historisch veränderbaren Zusammenhängen isoliert und stillgestellt.

Die Kultur relativiert und begrenzt aber nicht nur die Gesetze der Evolution. Sie stellt auch Grundannahmen der Darwinschen Evolutionstheorie in Frage. So wird mit den Einsichten der jüngsten epigenetischen Forschung, die jene Faktoren in der Entwicklung von Individuen/ Organismus untersucht, die über die DNA-Vererbung hinausgehen, nicht nur die Aussagekraft der modernen Genetik relativiert. Mit Beobachtungen, dass sich epigenetische Faktoren offensichtlich auch vererben, steht die Grundkonzeption der Evolutionstheorie zur Debatte. Anstelle von Mutation und Selektion wären andere Prozesse zu beachten, mit denen soziale und kulturelle Aspekte (wie z.B. Eßverhalten) in die Heredität eingehen.

Damit eröffnet sich hier – jenseits von Genetik und Evolutionstheorie – ein Feld, in dem das Zusammenwirken kultureller und biologischer Faktoren in interdisziplinärer Zusammenarbeit erforscht werden kann. Schon die Kulturwissenschaften um 1900 haben solche Zusammenhänge angenommen: Freud in der Dialektik von Triebstruktur und Unbehagen der Kultur, Benjamin, indem er die Zunahme haptischen, unwillkürlichen Verhaltens auf die Medien- und Technikgeschichte zurückführt.

weigel
Prof. Dr. Dr. h.c. Sigrid Weigel
Professorin für Literaturwissenschaft, TU-Berlin
Direktorin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung
Geisteswissenschaftliche Zentren Berlin e.V.
Schützenstr. 18
10117 Berlin
Tel. 030 201 92 173 (Fax 154)
E-Mail: litera@zfl.gwz-berlin.de
www.zfl.gwz-berlin.de

Vita Prof. Dr. Sigrid Weigel
Geboren am 25. März 1950 in Hamburg, lebt in Berlin.
Seit 1999 Professorin am Literaturwiss. Institut der TU Berlin
Direktorin des Zentrums für Literaturforschung (ZfL)
Vorstandsvorsitzende der Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin
Wissenschaftlicher Werdegang:
Studium vom WS 1969/70 bis zum WS 1977/78 an der Universität Hamburg in den Fächern Germanistik, Politologie und Pädagogik,
1977 Promotion zum Dr. phil.,
1978 Staatsexamen für das Höhere Lehramt in den Fächern Deutsch und Sozialkunde in Hamburg,
1978-1982 Dozentin am Literaturwiss. Seminar der Universität Hamburg,
1984-1990 Professorin am Literaturwiss. Seminar der Universität Hamburg,
1986 Habilitation am Fachbereich 9 (Neuere Deutsche Literatur und Kunstwissenschaft) der Philipps-Universität Marburg,
1990-1993 im Vorstand des Kulturwiss. Instituts (Wissenschaftszentrum NRW) Essen,
1992-1998 Professorin am Dt. Seminar der Universität Zürich,
1998-2000 Direktorin des Einstein Forums Potsdam,
Gastprofessuren/-seminare in Basel, Berkeley, Cincinnati, Harvard, Princeton, Stanford

Derzeitige Funktionen:
Aufsichtsratsmitglied des FWF Der Wissenschaftsfonds Österreich,
Stellv. Vorsitzende des Untersuchungsausschusses “Gute wissenschaftliche Praxis” der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften,
Mitglied des Executive Committee der International Benjamin Association,
Beiratsmitglied des da Ponte Instituts Wien,
Beiratsmitglied der ‘Edition Medienkultur’ des Springer Verlag,
Kuratoriumsmitglied des Internationalen Literaturfestivals Berlin

Aktuelle Forschungsprojekte am ZfL:
Das Konzept der Generation. Zur narrativen, zeitlichen und biologischen Konstruktion von Genealogie (DFG),
Erbe, Erbschaft, Vererbung. Überlieferungskonzepte zwischen Natur und Kultur im historischen Wandel (VW-Stiftung),
Figuren des “Sakralen” in der Dialektik der Säkularisierung

Jüngste Publikationen:
Genea-Logik. Generation, Tradition und Evolution zwischen Kultur- und Naturwissenschaften (2006);
Literatur als Voraussetzung der Kulturgeschichte. Schauplätze von
Shakespeare bis Benjamin (2004);
Ingeborg Bachmann. Hinterlassenschaften unter Wahrung des Briefgeheimnisses (1999), Tb.-Ausgabe 2003;

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