19.10.2006 :: Warschau DHI :: Polen, Deutschland und Rußland - Statement Pawlenko
Aspekte der aktuellen Beziehungen zwischen Russland und Polen
Die Entwicklung der Beziehungen zwischen Russland und Polen ist durch drei Hauptaspekte gekennzeichnet, von denen jeder auf seine Weise Profil und Umfang der Wechselbeziehungen dieser zwei großen Staaten im Osten Europas prägt.
1. Der kognitive Aspekt
Wohl mit keinem anderen europäischen Land verbindet Russland eine so komplexe „gemeinsame Geschichte“ wie mit Polen. Ihre historischen Schicksale sind eng miteinander verflochten und in diesem Geflecht gibt es viele tragische Gegensätze.
Jahrhunderte lang manifestieren sich in den beiden Nachbargesellschaften Traditionen in der Konstruktion des „anderen“, die die dramatischen Erfahrungen aus dem Kampf der Rzeczpospolita mit Russland, die Teilungen Polens und die brutal niedergeworfenen Aufstände, die polnische Intervention der Jahre nach 1920 und die Aufteilung Polens unter der UdSSR und dem Dritten Reich, die Tragödien von Katyn und dem Warschauer Aufstand, die erzwungene Sowjetisierung des polnischen Nachkriegsstaates sowie die politische Krise zu Beginn der 80-er Jahre in sich aufnahmen.
Auf diese historischen „Altlasten“, die sich in den Annalen der nationalen Geschichten niedergeschlagen haben und wiederholt in Medienpräsentationen aufgegriffen worden sind, wurde besonders nachdrücklich in den 90-er Jahren des 20. Jahrhunderts zurückgegriffen, als sich in den mittelosteuropäischen Staaten eine neue politische Identität herausbildete.
Die neue politische Russophobie gründet sich sowohl auf die Furcht vor dem territorialen russischen Expansionismus (die Notwendigkeit in die NATO einzutreten wurde wesentlich mit der Bedrohung durch einen „neuen russischen Expansionismus“ erklärt), die tradierten Vorstellungen vom Autokratismus und Despotismus der russischen Staatsgewalt als auch die neuen Risiken einer Migrationswelle aus Russland (der Mythos/die Fama von der „russischen Mafia“, unter dem/r kriminelle Gruppierungen aus verschiedenen postsowjetischen Staaten „operieren“). Mitte der 90-er Jahre, als sich die russische Führung entgegen anders lautenden Abmachungen vehement gegen einen Beitritt Polens und anderer Staaten Ostmitteleuropas (Mitteleuropas) zur NATO wandte, begann ein „Informationskonflikt“, der bis heute mal verlischt, mal mit neuer Kraft aufflackert.
2. Der politische Aspekt
Der Prozess politischer Gespräche zwischen Russland und Polen entwickelt sich auf „mittlerem Niveau“. Polen ist in europäische und euroatlantische Strukturen (EU, NATO) eingebunden und entsprechend gestalten sich die russisch-polnischen Beziehungen gemäß dem Grad der Ebene des wechselseitigen Interesses zwischen Brüssel und Moskau einerseits und Moskau und Washington andererseits. In den letzten Jahren entwickelte sich jedoch ein besonderes „Verhandlungsfeld“, das vitale polnische und russische Interessen im grenznahen Raum betrifft und von folgenden Problemen definiert wird:
1) der politischen Lage in der Ukraine
2) Belarus
3) dem Gebiet Kaliningrad
3. Der wirtschaftliche Aspekt
In nach dem Jahre 2000 veröffentlichten offiziellen Dokumenten der Russischen Förderation wird wiederholt betont, dass Russland ein Interesse hat, mit den ostmitteleuropäischen (mitteleuropäischen) Ländern einen gemeinsamen Algorhitmus für Wirtschafts- und Handelskooperationen auf der Grundlage von Pragmatismus und Meistbegünstigung zu entwickeln. Nach dem EU-Beitritt Polens wurden die früheren Handels- und Wirtschaftsbeziehungen mit Russland zuungunsten der russischen Produzenten revidiert. Die gegenwärtige Stabilisierungsperiode in Russland ist von einem Konsum- und Bauboom, aber auch einer recht unnachgiebigen Energiepolitik gekennzeichnet. Bis in jüngste Zeit sahen die russischen Energieerzeuger ihre Priorität auf dem europäischen Energiemarkt. Die skandalösen Vorkommnisse um die ukrainischen Transitleistungen im Januar-Februar 2006 veranlassten beide Seiten – Moskau und die EU – ihre Positionen in Fragen ihrer „Energiesicherheit“ zu korrigieren.
In den letzten Jahren haben die russische wie die polnische Außenpolitik kein gesteigertes Interesse für einander gezeigt, obwohl zwischen beiden Staaten ein permanenter Prozess von Gespräch und Meinungsaustausch stattfindet. Außer auf diplomatischem zwischenstaatlichem Niveau werden weitere aktive transnationale Kontakte und Verbindungen gepflegt, durch die sich das Feld für eine Verständigung zwischen den Gesellschaften und für einen konstruktiven Dialog möglicherweise erweitern wird.
Prof. Dr. Olga Pawlenko
Russische Staatliche Geisteswissenschaftliche Universität
Institut für Weltpolitik (R. 271)
6 Miusskaja Platz
125267 Moskau
Rußland
olgapavlenko@mail.ru
Павленко Ольга Вячеславовна
Российский государственный гуманитарный университет
кафедра мировой политики- к. 271
Миусская площадь, д. 6
125267 Москва
Vita
Павленко Ольга Вячеславовна
Кандидат исторических наук, доцент кафедры Мировой политики и народонаселения. Закончила Московский Государственный Университет им. М.В. Ломоносова.
Научные интересы – история Австрии, европейская дипломатия XIX – XX вв., внешняя политика России с 1991 г. – н.в.
Читает в РГГУ лекционно-семинарские курсы: «Мировая политика», «История международных отношений и внешней политики России в новейшее время», «История дипломатии», «История Австрии». Ведет спецкурсы: «Политическая система Европейского Союза», «Регионализм и глобализация в современных международных отношениях», «Внешняя политика России 1991-2005 гг».
Publikationen
“The Concept of Slavic Mutuality in the Czech Lands and Russia in the first Half of the 19th Century”, in: Social, Political and Cultural Processes in the Countries of Europe and America. No. 2 (Yoschkar-Ola, 1992)
“Cultural and Political Aspects of the “Orthodox Action” in the lands of Austrian Slavs in the 19th Century”, in: The Russian Society and Slavs Abroad in the 18th-early 20th Centuries. Balkan Studies. No. 16 (Moscow, 1992) p.89-105
“Participation of I.I.Sreznyevskij in the Slavic Congress of 1867”, in: Slavic Languages, Writing and Culture. (Kiev, 1993) p.130-136
“Historical Novel about the Age of Restoration in Britain” (trans. from English, historical comments), in: Catlin Winsor. Forever, Amber. Vol.1-2 (Moscow, 1994) 474 P. In collaboration with I. Bystrova, L. Azarch
“Soviet historiography of the Habsburg Empire, 1918-1991” In: Austrian History Yearbook. Vol.26 (Minneapolis, 1994) P.165-188. In cooperation with T. Islamov, A.Miller
“History of East-Central and South-Eastern Europe as a new historical discipline in the system of the university education “. In: New technologies in the Humanity Education. Materials of the All-Russia conference of young scholars and lecturers (Moscow, 1994) p.16-20
“Ethnonationalism in Foreign Researches”. In: Ethnopolitical Bulletin of the House of Federation. No.1 (Moscow, 1996) p.200-213
“Rußland und die Donauslaven, 1848-1871”. In: A. Moritsch (ed.) Der Austrosalvismus. Ein verfrühtes Konzept zur politischen Neugestaltung Mitteleuropas (Wien-Köln-Weimar, 1996) p.156-178
“The Concept of “Moral Politics” in the Czech Movement in the 19th-early 20th Centuries”. In: Austria-Hungary: Integration and National Specificity (Moscow, 1997) p.53-68
“Russia in the Mirror of Viennese Journalism of the First Half of the 19th Century. A Survey”. In: Austria-Hungary: Integration and National Specificity (Moscow, 1997) p. 264-277
“National State” and “Ethnic Minorities”- the problems of correlation. In: Rubezh. The Almanac of the social studies (1998) No.12, p.175-193;
“Central Europe in the field of force of Russia and Germany in the 19th –20th centuries”. In: The World History. (Moscow, 1998) p.24-38
“East-and-Southeast Central Europe. The Introduction in History.”(Moscow, 1998) 152P.
“Panslavism”. In: Slavyanovedenije (Moscow, 1998) No.6, p.43-61
“The Slavonic Question” in the relations between Russia and Austria in the 40-60-ies years of the 19th Century. In: The Slavonic-Germanic Studies. I-II Vol. (Moscow, 2000) P.243-289
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“The Dream, which will not became a reality” In: The Slavonic Almanac (Moscow, 2000) p. 18-43
Die “Slavische Frage” im Kontext der Russisch-Österreichischen Beziehungen während der Revolution 1848-1849. In: A. Moritsch (ed.) Der Prager Slavenkongreß 1848 (Wien, 2000) P.19-38
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Geopolitical Projections of the “Slavonic Question”. (Brjansk, 2003) Vol.5
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Stalinism. New Approaches in Russia and Abroad. Ed. by A. Bezborodov, B. Pietrow-Ennker, O. Pavlenko, P. Kienlly. Moskau-Konstanz, 2006
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