19.10.2006 :: Warschau DHI :: Polen, Deutschland und Rußland - Statement Ziemer
Für Polen bedeutet das Stichwort „Deutschland und Russland“ die Erinnerung an mehr als 200 Jahre negativer Erfahrungen, die das Land mit Preußen/Deutschland und Russland spätestens seit den Teilungen Polens Ende des 18.Jahrhunderts machen musste. Wenn Deutschland und Russland sich zusammenschlossen, ging das in der Regel zu Lasten Polens. Die letzte schreckliche Bestätigung dieser Erfahrung war der Ribbentrop-Molotov-Pakt. Eine Bedrohung wird in Polen heute vor allem von Seiten Russlands gesehen, daher war der Nato-Beitritt für das polnische Sicherheitsbedürfnis sehr wichtig.
Polen und Deutschland sind heute zwar Partner in der Nato und der EU, doch werden etliche aktuelle Fragestellungen gerade im Dreieck Polen-Deutschland-Russland in Polen vielfach in Kategorien historischer Problemlagen und nicht im neuen politischen Koordinatensystem wahrgenommen. Das wiederum ruft in Deutschland Unverständnis hervor.
Denn für die heutige deutsche Politik ist das Koordinatensystem, das die Beziehungen zu Polen absteckt, bestimmt durch eine Vielzahl bi- und multilateraler Kooperationen, insbesondere durch die gemeinsame Mitgliedschaft in der Nato und der EU. Gewiss muss auch auf die Vergangenheit Rücksicht genommen werden, aber der Versöhnungsprozess ist durch Abkommen und Gesten in den 90er Jahren offiziell abgeschlossen worden. Das Potential, das etwa eine gemeinsame Ostpolitik der EU beinhaltet, die eine enge deutsch-polnische Abstimmung voraussetzt, wurde bisher nur selten genutzt, z.B. während der „orangefarbenen Revolution“ in der Ukraine. Ein funktionierendes deutsch-polnisches Tandem könnte für die Stabilisierung im östlichen Europa eine ähnliche Schlüsselrolle spielen wie das deutsch-französische im Westen. Nur müssen beide Seiten das auch wollen.
Deutschland versucht auf verschiedenen Ebenen, nicht zuletzt im Rahmen der Europäischen Nachbarschaftspolitik der EU, Russland in eine europäische Ordnung zu integrieren. Ferner ist es angesichts des potentiell großen russischen Marktes und insbesondere angesichts der russischen Energiereserven an engen Wirtschaftsbeziehungen interessiert, was wiederum in Polen mit einem gewissen Misstrauen verfolgt wird. Betrachtet man in Deutschland Fragen von Öl- und Gaslieferungen eher unter ökonomischen Aspekten, dominiert in Polen eher ein Denken in Kategorien der strategischen Sicherheit.
Russland legt seine Beziehungen zu den EU-Ländern weniger über Brüssel als bilateral an, weil so sein Einfluss stärker ist. Deutschland ist dabei aufgrund seiner Wirtschaftskraft und seines Know-how der bevorzugte Partner. Trotz der negativen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg besteht auch in beiden Gesellschaften eine gewisse Affinität zueinander. Gegenüber Polen haben Teile der russischen politischen Eliten offenbar die Einstellung, dass das Land eigentlich im „natürlichen“ russischen Einflussbereich liege, nur könne Russland vorübergehend hier seinen Einfluss nicht geltend machen. Die politische Atmosphäre ist von latenten Spannungen gekennzeichnet, insbesondere seit das persönliche Engagement von Präsident Kwaśniewski zum Sieg der „orangefarbenen Revolution“ in der Ukraine beigetragen hat.
Prof. Dr. Klaus Ziemer
Professor für Politikwissenschaft, Trier
Direktor Deutsches Historisches Institut Warschau
Palac Karnickich
Aleje Ujazdowskie 39
PL 00-540 Warszawa
Tel: 0048-22-525 83-01
Fax: 0048-22-525 83 37
Mail ziemer@dhi.waw.pl
Web http://www.dhi.waw.pl
Vita Prof. Dr. Klaus Ziemer
geb. 1946 in Heidelberg;
1966-72 Studium in Politikwissenschaft, Geschichte und Latein an den Universitäten Heidelberg und München; Staatsexamen (1970/72);
1972-73 Auditeur Libre du Troisième Cycle an der Fondation Nationale des Sciences Politiques, Paris;
1973-87 Wiss. Assistent an der Universität Heidelberg;
1977 Promotion zum Dr. phil. an der Universität Heidelberg;
1985 Habilitation in Politischer Wissenschaft an der Universität Heidelberg;
1986-91 Lehrstuhlvertretungen an den Universitäten Essen, München, Mannheim und Trier;
ab 1991 Professor für Politikwissenschaft an der Universität Trier;
ab 1998 Direktor des Deutschen Historischen Instituts Warschau und Professor für Politikwissenschaft an der Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität in Warschau
Arbeitsgebiete
20. Jahrhundert
Polnische Zeitgeschichte
Beziehungen DDR – Polen
Ausgewählte Publikationen
(Hrsg.) Sozialistische Systeme. Politik – Wirtschaft – Gesellschaft (Pipers Wörterbuch zur Politik, Band 4), München/Zürich 1986, Paperback-Ausgabe 1989.
Die DDR – Polens ungeliebter, aber notwendiger Partner, in: Das Profil der DDR in der sozialistischen Staatengemeinschaft. Zwanzigste Tagung zum Stand der DDR-Forschung in der Bundesrepublik Deutschland. 9. bis 12. Juni 1987, Köln 1987, S. 46-58.
Polens Weg in die Krise. Eine politische Soziologie der “Ära Gierek”, Frankfurt/M. 1987.
Auf dem Weg zum Systemwandel in Polen, in: Osteuropa 39 (9 und 11/12), 1989.
Probleme des politischen Systemwechsels der Republik Polen. Eine Zwischenbilanz nach drei Jahren, in: Jahrbuch für Politik 3 (1), 1993, S. 93-123.
Ausgangsbedingungen für den politischen und wirtschaftlichen Transformationsprozeß in Südost- und Ostmitteleuropa. Gemeinsamkeiten und Unterschiede, in: Südosteuropa 45 (2-3), 1996, S. 99-115.
(Hrsg. /Mitverfasser) Forschung und Lehre Ostmitteleuropas im Umbruch. Sozialwissenschaften in der Transformation, Marburg 1996.
(Hrsg. mit D. Nohlen und P. Waldmann) Lexikon der Politik, Band 4: Die östlichen und südlichen Länder, München (Beck) 1997.
Jedność Europy – mity i realia polityczne (Die Einheit Europas – Mythen und politische Realitäten), in: Więź 4 (468), April 1999, S. 32-41, abgedruckt in: Aniela Dylus (Hrsg.), Europa. Drogi integracji, Warszawa 1999 (Studium Generale Europa, Uniwersytet Kardynała Stefana Wyszyńskiego), S. 24-32.
Grenzen der Wahrnehmung. Das deutsche Polenbild in den letzten 200 Jahren, in: Norbert H. Weber (Hrsg.): Die Oder überqueren, Frankfurt/M. (IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation) 1999, S. 56-70.
Wie konsolidiert ist Polens Demokratie?, in: Andreas Busch/ Wolfgang Merkel (Hrsg.): Demokratie in Ost und West. Für Klaus von Beyme. Frankfurt/M 1999, S. 332-360.
(Mitherausgeber mit Włodzimierz Borodziej) Deutsch-polnische Beziehungen 1939-1945-1949. Eine Einführung, Osnabrück 2000, 348 S.
(Hrsg./Mitverfasser) Die Neuorganisation der politischen Gesellschaft. Staatliche Institutionen und intermediäre Instanzen in postkommunistischen Staaten Europas, Berlin 2000, 263 S., Osteuropaforschung, Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde, Bd. 40.
Die Volksrepublik Polen in den Augen der SED-Führung in den achtziger Jahren, in: Instytut Studiów Politycznych PAN (Hrsg.), Polska – Niemcy – Europa. Księga Jubileuszowa z okazji siedemdziesiątej rocznicy urodzin Profesora Jerzego Holzera, Oficyna Wydawnicza Rytm, Warszawa 2000, S. 593-626.
(Hrsg. /Mitverfasser): Schwierige Nachbarschaften. Die Ostpolitik der Ostmitteleuropäer, Marburg 2001, 219 S.
Der Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg in der deutschen Nachkriegsgesellschaft, in: Polska – Niemcy. Nadzieja i zaufanie. Księga Jubileuszowa na 80-lecie Urodzin Profesora Mieczysława Tomali, Fundacja Politeja, Warszawa 2002, S. 543-562.
(Hrsg./Mitverfasser): Wahlen in postsozialistischen Staaten, Opladen 2003, 380 S.
Totalitarian and Authoritarian Regimes in Europe. Legacies and Lessons from the Twentieth Century, (hrsg. zusammen mit Jerzy Borejsza), New York/Oxford 2006, 607 S.
<< 19.10.2006 :: Warszawa NIH :: Polska, Niemcy i Rosja - program |
| 19.10.2006 :: Warszawa NIH :: Polska, Niemcy i Rosja - Teza Ziemer >>

