25.10.2005 :: Mainz Kurfürstliches Schloß :: Wissen und Macht - Einführung Bender
Gewaltenteilung und Vertrauensvorschuß: Elitenbildung im demokratischen Staat
Kulturen sind immer auch Wissenskulturen. Eine Wissenskultur benötigt Wissenseliten. Gerade auch demokratische Rechtsstaaten, die auf den Prinzipien von Partizipation, Repräsentation und Gewaltenteilung beruhen kommen nicht ohne Funktions- und Wissenseliten aus. Sie stehen dabei vor beson-deren Legitimationsproblemen:
(1) Wie die notwendigen Leistungs- und Innovationseliten fördern und gleichzeitig verhindern, daß diese sich zu einem Machtzentrum jenseits demokratischer Kontrolle entwickeln?
(2) Wie Gewaltenteilung auch noch jener Gewalten sicherstellen, die die kompetenten Zugänge zu den für die Gesellschaft lebenswichtigen Wissensressourcen sind.
(3) Wie durch Elitenrekrutierung im politischen Feld die Qualität politischer Führung steigern ohne das Prinzip der politischen Repräsentanz ad absurdum zu führen und ohne die Berater zu korrumpieren?
Die Entwicklung und Förderung unterschiedlicher Funktionseliten läßt sich planen, steuern und vorab evaluieren. Aber das, was wir im emphatischen Sinne “Elite” nennen – keine homogene Gruppe, sondern informell und unvollständig vernetzte Individuen – läßt sich nicht planen und vorab bewerten. Die, deren Aufgabe sein soll, jene Probleme zu entdecken und Lösungswege zu begehen, die zuvor niemand gesehen hat – für deren Bildung kann es vielfältige Förder- und Bildungswege aber kein festgefügtes Curriculum geben. Wir können heute nicht wissen, was wir morgen wissen werden, sonst wüßten wir es schon heute. Aber wir wissen, wie viel von diesem künftigen Wissen abhängen wird. Der Planbarkeit komplexer und dynamischer Prozesse des Wissens sind enge Grenzen gesetzt.
Was bedeutet das für die Förderung von und den Umgang mit Wissenseliten? Wissenseliten, denen wir zutrauen, daß sie über Bestimmtes mehr wissen als andere, und daß sie mit Urteilskraft, Phantasie und einer besonderen Fähigkeit zur unvorhersehbaren Synthese über dieses Wissen, also über das Bestehende hinausdenken. Unerläßliche Fragen für die Bewältigung außergewöhnlicher und nicht vorhergesehener Problemlagen lauten:
(1) Wie groß muß unsere Bereitschaft sein, Risiken möglicher Fehlinvestition einzugehen, wenn wir die Herausbildung von Wissenseliten wirklich fördern wollen?
(2) Wie unabdingbar ist dabei das Vertrauen in Einzelne und in ausgewiesene Institutionen, die die Fähigkeit bewiesen haben, Exzellenz zu entdecken, zu verstärken und ihr den notwendigen Entfaltungsrahmen zu bieten?
Drei Forschungsbeiträge aus der Archäologie, der Mediävistik und der Zeitgeschichte werden zeigen, wie sehr sich diese und andere aktuell diskutierten Fragen im Lichte einer historischen Vergleichsperspektive verändern können.
Rüdiger Bender M.A.
Lehrbeauftragter für Philosophie und Kulturwissenschaften
Dresdner Straße 1
99085 Erfurt
ruediger.bender@uni-erfurt.de
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