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25.10.2005 :: Mainz Kurfürstliches Schloß :: Wissen und Macht - Statement Daim

Wissen und Macht –
Wie und wozu entstehen gesellschaftliche Eliten?

Der Goldschatz von Sânnicolau Mare – Fallstudie zum kulturellen Horizont einer Fürstenmacht

Wenn heute wieder von Eliten gesprochen wird, sind meist Intellektuelle mit herausragenden Fähigkeiten gemeint, keine Machthaber. Wenn die Archäologie den Begriff Elite verwendet, geht es hingegen meist um Personen, welche Reichtum akkumulieren konnten und diese zu aufwändiger Repräsentation nutzten. Machtzentren sind in vielen Fällen auch Heimstatt für Künstler und Gelehrte, deren Fähigkeiten dann auch für die Stabilisierung der Macht genutzt wurde. In der Repräsentationskultur kann das am Fürstenhof vorhandene Wissen sichtbar werden, wie an einem Beispiel gezeigt werden soll.

Zu den prachtvollsten frühmittelalterlichen Ensembles, die das Kunsthistorische Museum in Wien besitzt, gehört der Goldschatz von Sânnicolau Mare (ungarisch: Nagyszentmiklós). Er wurde 1799 im heute rumänischen Banat gefunden und besteht aus 23 Goldgefäßen, die insgesamt etwa 10 kg wiegen. Viele der Gefäße sind reich dekoriert, tragen Ranken- oder Palmettenfriese, zeigen Reiter und vielerlei Mischwesen, wie Greifen, gehörnte Löwen oder Pfauendrachen. Manche der Verzierungen und Motive lassen sich eindeutig aus der klassischen mediterranen Tradition, von den Griechen und Byzantinern herleiten, doch sind auch klare östliche Bezüge zu erkennen. Einige der Gefäße tragen christliche Kreuze. Mehre Inschriften in Kerbschrift oder griechischen Schriftzeichen sind nicht entziffert. Die meisten der Goldgefäße sind von herausragender Qualität, vor allem einige Schalen.

Umstritten ist nicht nur die feinchronologische Einordnung sondern auch, wer der ehemalige Besitzer des Schatzes war. Als sicher kann gelten, dass der Schatz etwa drei Generationen überspannt. Da sich im antiquarischen Vergleich mit dem sonstigen frühmittelalterlichen Fundmaterial die meisten direkten Bezüge zu dem awarischen Fundgut des späten 7. und 8. Jahrhunderts zeigen, könnte der Schatz von Sânnicolau Mare (Nagyszentmiklós) einst Teil des awarischen Königshortes gewesen sein. Das Awarenreich bestand im Karpatenbecken von 568 bis gegen 800, ist von Karl dem Großen erfolgreich bekriegt worden und zerfiel rasch und restlos.

Die umfassende Auswertung des Schatzes macht den geistigen Horizont eines frühmittelalterlichen Fürstenhofs im östlichen Mitteleuropa sichtbar, eine fast unglaubliche Kenntnis antiker und orientalischer Bilder und Mythen sowie den erstaunlich freien Umgang mit dem überlieferten Kanon.

daim
Prof. Dr. Falko Daim
Professor für Ur- und Frühgeschichte
Generaldirektor Römisch-Germanisches Zentralmuseum
Forschungsinstitut für Vor- und Frühgeschichte
Ernst-Ludwig-Platz 2
55116 Mainz
Tel. 06131 91 24 129
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