28.06.2006 :: Berlin Wissenschaftszentrum :: Polen und Deutschland - Statement Jablkowska
Geographische Orte als nationale Erinnerungsräume
Der Erinnerungsraum ist ein Begriff der heutigen Gedächtnisforschung. Er bezieht sich auf konkrete geographische Orte und oft darüber hinaus auf bestimmte Topoi der Geschichte. Nun haben Nationen verschiedene Räume, die Träger des kollektiven Gedächtnisses geworden sind. Die Entwicklung der Geschichte im Zwanzigsten Jahrhundert verursachte, dass Deutsche und Polen oft dieselben Räume für ihre nationale Identität beanspruchten. Als paradigmatisches Beispiel dafür könnte man Tannenberg nennen. Nicht als geographischer Ort sensu stricto, sondern als die nach ihm benannten historischen Ereignisse spielte es sowohl für die Weimarer Republik als auch für die Volksrepublik Polen eine wichtige nationale Gründungsrolle. Diese Ereignisse waren die Schlacht bei Tannenberg im ersten Weltkrieg und die Schlacht bei Tannenberg im Jahre 1410, während der der polnische König den Deutschen Orden schlug. Tannenberg gehörte zu diesen – stark ideologisierten – Erinnerungsräumen, die das polnische und das deutsche Gedächtnis trennten. Die Denkmäler, die den beiden Schlachten geweiht wurden, symbolisierten einst Misstrauen und Feindschaft zwischen den beiden Nationen. Das deutsche Tannenberg-Denkmal existiert seit Jahrzehnten nicht mehr, auch das polnische spielte in den letzten fünfzehn Jahren für die Erziehung der Jugendlichen keine große Rolle mehr.
Die geographische Landschaft dagegen, die noch vor kurzem Konflikte provozierte oder als multikulturelles Gebiet tabuisiert wurde, wird allmählich zu einer gemeinsamen, deutsch-polnisch-litauischen, katholisch-protestantischen Kulturlandschaft. Man kann hier die Worte von Jan Jozef Lipski paraphrasieren: Die Polen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg zu Verwaltern des ehemaligen Preußen und werden heute seine geistigen Erben.
Dies ist eine Entwicklung, die sich durch politische Vorgaben nicht aufoktroyieren lässt. Bestimmt haben die demokratischen Veränderungen in Polen diese Entwicklung beschleunigt, doch der Prozess der Akulturation, der Entdeckung des Fremden als das Eigene, braucht Zeit. Es ist ein Prozess, für den wirtschaftliche Kontakte, Begegnungen von Politikern bis hin zum Austausch von Schülern wichtig sind. Weniger spektakulär und erst nach langer Wirkung sichtbar ist die Arbeit der Intellektuellen, der Publizisten, der Philosophen und nicht zuletzt der Schriftsteller.
Es wäre interessant, zu wissen, ob für die heutigen polnischen und deutschen Jugendlichen die Memel noch ein nationaler Begriff ist. So wie es ganze Landschaften gab, samt ihrer Fluß- und Flurnamen, die in der Literatur verschiedener Nationen eine eigene Bedeutung bekamen, wurden auch Städte mit ihren Straßen und Gebäude, Kirchen, Plätze, Schulen und Denkmäler in verschiedenen Literaturen thematisiert.
Eine dieser Städte ist Gdansk, einst Danzig. Der deutsche Nobelpreisträger, Günter Grass thematisiert diese Stadt als seine ehemalige, politisch verlorene, im Geiste jedoch weiter lebendige Heimat. Seine Romane sind in Deutschland und Polen gleichermaßen bekannt. Den deutschen Lesern ist es weniger vertraut ist, dass auch polnische Schriftsteller Gdansk in ihre literarische Pflege genommen haben und sie als die ehemals deutsche Stadt entdecken. Stefan Chwin, Boleslaw Fac und vor allem Pawel Huelle sehen in Gdansk mehr als nur den Ort ihrer eigenen Kindheit. Die intertextuelle Verwandtschaft von Huelles Weiser Dawidek mit Grass Katz und Maus und auch mit den anderen Romanen seiner Danziger Trilogie und die magischen Begegnungen mit der deutschen Vergangenheit in seinen Erzählungen wurden längst von den Germanisten und Polonisten entdeckt. In seinem letzten Roman Castorp (in Anspielung auf Thomas Manns Der Zauberberg) begibt sich Huelle auf eine Reise in die Vergangenheit deutscher Literatur und zugleich in die Vergangenheit seiner Stadt. Es ist neben der topographischen Kenntnis der fremd-eigenen Heimat, zugleich die Einfühlung in die fremde Geschichte und Kultur, die auch die eigene hätte sein können, die diesen Roman zum gemeinsamen, deutsch-polnischen literarischen Ereignis macht.
Neben Gdansk/Danzig wirken auch andere Städte in Polen, deren Kultur von unterschiedlichen Einflüssen abhängig war, heute auf polnische Autoren anziehend. Es ist Wroclaw/Breslau und der ganze schlesische Raum, dessen deutsche, oder soll man sagen slawisch/deutsch-habsburgisch-preußisch-deutsche – und auch das ist eigentlich nicht richtig – Geschichte heute die polnischen Dichter fasziniert. Es ist auch Lodz, einst ein kleines, polnisches Städtchen, das in der Zeit der russischen Besatzung deutsche, jüdische und polnische Textilhandwerker aufnahm, die binnen kurzer Zeit eine florierende Industriestadt gebaut haben mit verschiedensprachigen Theatern und Zeitungen, mit Gotteshäusern verschiedener Konfessionen.
Man könnte einwenden, dass diese Annäherungen über literarische und publizistische Entdeckungen gemeinsamer Kulturräume nicht überbewertet werden dürfen, dass Politik und Wirtschaft weitgehend über Kontakte zwischen Nationen und Staaten entscheiden. Und doch, es lohnt sich auf diese Annäherungen hinzuweisen, denn gerade sie, als Langzeitprozesse nicht immer sofort bemerkbar, zeigen die künftige Richtung der politischen Entwicklung in einem zusammenwachsenden Europa.
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Prof. Dr. Joanna Jabłkowska
Professorin für Deutsche, Österreichische und Schweizer Literatur
Uniwersytet Lodzki
Katedra Literatury i Kultury Niemiec, Austrii i Szwajcarii
Sienkiewicza 21
90114 Łódź
Polen
Mail: jojabl@uni.lodz.pl
Vita Prof. Dr. Joanna Jabłkowska
geb. 1953 in Łódź/Polen.
1972-1977: Germanistikstudium, Universität Łódź
1974/5: Germanistikstudium, Universität Greifswald
1977: Magisterprüfung mit Auszeichnung
seit 1977: Mitarbeit im Lehrstuhl für deutsche Literatur, Universität Łódź
1984: Promotion, Universität Wroclaw: “Idee der Toleranz in den Werken von Max Frisch”.
1984: dreimonatiger Forschungsaufenthalt in Gießen.
Oktober 1985-Juli 1986 Forschungsaufenthalt in Gießen (DAAD-Stipendium)
1993: Habilitation
WS 1993 Forschungsaufenthalt in Passau
1995-1998: Koordination des TEMPUS-Projekts mit Giessen
seit Oktober 1997 Universitätsprofessorin
WS 1998: Forschungsaufenthalt in Berlin
seit 2001: Leiterin des Lehrstuhls für deutsche Literatur, Universität Lodz
2002-2005: Studiendekanin der Philologischen Fakultät
November 2002: Ernennung zur ord. Professorin
seit Januar 2005 Mitglied der polnischen Staatlichen Evaluierungskommission
2006, Commerzbank-Gastdozentin, European Studies, Universität Magdeburg
Auswahlpublikationen
Literatur ohne Hoffnung. Die Krise der Utopie in der deutschen Gegenwartsliteratur, Wiesbaden 1993, 246 S. (Habilitationsschrift);
Zwischen Heimat und Nation. Das deutsche Paradigma?. Zu Martin Walser. Tübingen 2001.
Joanna Jabłkowska, Małgorzata Półrola (Hrsg.): Nationale Identität. Aspekte, Probleme und Kontroversen in der deutschsprachigen Literatur. Łódź 1998;
Joanna Jabłkowska, Małgorzata Półrola (Hrsg.): Engagement Debatten Skandale. Deutschsprachige Autoren als Zeitgenossen. Łódź 2002;
Die Tradition von Schauerliteratur in den apokalyptischen Visionen der Nachkriegszeit. In: Hans Esselborn (Hrsg.): Utopie Antiutopie und Science Fiction im deutschsprachigen Roman des 20. Jahrhunderts. Würzburg 2003, S. 107-117;
Zwei Autobiographien auf zwei Polen der „Jahrhunderterfahrung“. Martin Walsers Ein springender Brunnen und Ruth Klügers weiter leben. In: Izabela Sellmer (Hrsg.): Die biographische Illusion im 20. Jahrhundert. (Auto)Biographien unter Legitimierungszwang. Frankfurt a.M. 2003, S. 45-58;
The Debate over German Memory within in the Context of Martin Walser’s Speech of 11 October 1998 (Friedenspreisrede). In: Kultura Współczesna. Teoria. Interpretacja. Praktyka. 4 (38)/2003, S. 249-266;
Kafka und die Folgen. Martin Walsers Anfänge in den 50er Jahren. In: Edward Białek/Leszek Żyliński (Hrsg.): Die Quarantäne. Deutsche und österreichische Literatur der fünfziger Jahre zwischen Kontinuität und Neubeginn. Wrocław 2004, S. 273-298;
Norbert Gstreins Grenzgänger. In: Maria Kłańska, Krzysztof Lipiński, Katarzyna Jaśtal, Agnieszka Palej (Hrsg.): Grenzgänge und Grenzgänger in der österreichischen Literatur. Kraków 2004, S. 241-249;
Das Ende der Schauerballade? Eduards Mörikes Der Schatten im Vergleich mit Adam Mickiewiczs Lilie. In: Artur Pelka (Hrsg.): Baden – Württemberg – Polen. Germanistische Annäherungen. Fernwald 2004, S. 155-168;
Zwischen Geist und Macht. Der historische Diskurs als erfüllter Augenblick in Kein Ort nirgends von Christa Wolf. In: Marianne Henn, Irmela von der Lühe und Anita Runge (Hrsg.): Geschichte(n) Erzählen. Konstruktionen von Vergangenheit in literarischen Werken deutschsprachiger Autorinnen seit dem 18. Jahrhundert. Göttingen 2005, S. 107-124;
„...Weil uns wieder einmal die Vergangenheit auf die Schulter klopft.“ Von den (vergeblichen?) Versuchen, den Fremden zum Freund zu machen. Günter Grass’ Im Krebsgang im Lichte seiner Publizistik. In: Sandra Kersten, Manfred Frank (Hrsg.) Spiegelungen. Entwürfe zu Identität und Alterität. Berlin 2005, S. 227-244.
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