28.06.2006 :: Berlin Wissenschaftszentrum :: Polen und Deutschland - Statement Orlowski

Europäische Sonderwege?

Mit dieser Denkfigur ließe sich – auf den kürzesten Nenner gebracht – diejenige Perspektivierung erfassen, die mich in den letzten fünfzehn Jahren immer wieder, und nahezu traumatisch, gebannt hat. Die Verifizierung/Falsifizierung des rationellen Sinn-Kerns der Sonderweg-Frage sei Wirtschafts- und Ereignishistorikern überlassen; weit wichtiger für meine Überlegungen hingegen sind Eigen- sowie Fremdvorstellungen und Denkbilder, welche in beiden Gesellschaften in diesem Feld herrschen, wenn nicht sogar es partiell beherrschen? Und: Inwiefern sind sie ‚(mit)verantwortlich‘ für Sinnstiftungen im Bereich der deutsch-polnischen Wechselbeziehungen.
Wie konnte es zur begrifflichen Verortung der Sonderweg-Frage kommen? Die diskursive Karriere der Sonderweg-Denkformel ist über zwei historische Grundprozesse des ‘langen’ 19. Jahrhunderts zu begreifen, nämlich über Nationsbildungs- und Modernisierungsprozesse.
Da sie in beiden Gesellschaften/Nationen, nämlich der polnischen und der deutschen, unterschiedlich verliefen, ist eine unterschiedliche Semantisierung der beiden Prozesse in beiden Gesellschaften nur allzu begreiflich.
Einen möglichen Zugang zur Erfassung der Unterschiede – nicht zuletzt im Bereich der ‘Stereotype der langen Dauer‘ – dürften Methoden der historischen Semantik/Stereotypenforschung bieten. Stereotype sollten in diesem Falle – u.a. im Sinne meiner Arbeiten *‚Polnische Wirtschaft‘. Zum deutschen Polendiskurs der Neuzeit (1966)* und Die Lesbarkeit von Stereotypen. Der deutsche Polendiskurs im Blick historischer Stereotypenforschung und historischer Semantik (2004) – vor allem nach ihrer kognitiven Verwertbarkeit abgefragt. Wahrheitsgehalt und Realitätsbezug im Bereich eines ‚Wer-sagt-wann-wo-etwas-wie-wem-und-warum’ historisch konditionierter Stereotype können nämlich entsprechend beachtlich sein, und das nicht nur im Sinne einer Mehrwertslogik. Begriffe lassen sich nicht nur als Indikatoren von geschichtlichen Zusammenhängen, sondern auch als Faktoren (Reinhart Koselleck) von einer hohen kulturellen Definitionsmacht definieren.
Wenn Geschichte als „Sinnproduktion durch Sprache“ (Hans Erich Bödeker) zu verstehen ist, dann wurde/wird mit der Sonderweg-Semantik ein Indikator des nationalen Selbstverständnisses an den Tag gebracht, mit dem sich ebenso Wirklichkeitsdeutungen durchsetzen lassen.
Mein Anliegen als Brückenbauer sehe ich also u.a. darin, nationalen Eigen- sowie Fremdvorstellungen und Denkbilder nachzugehen. Diesem Ziel dient die Buchreihe Poznanska Biblioteka Niemiecka (Posener Deutsche Bibliothek), die ich seit über zehn Jahren in Zusammenarbeit mit Christoph Kleßmann für polnische Leser herausgebe. Bisher sind zweiundzwanzig Bände erschienen. Das Profil der Reihe lassen folgende Sätze aus deren Credo erkennen:
„Nachbarschaft verpflichtet. Insbesondere dann, wenn diese Nachbarschaft eine lange, wechselvolle Geschichte hat. Die Erinnerung daran trennt und verbindet. Als gemeinsame Erfahrung ist sie wichtig für die Gegenwart.
Die deutsch-polnische Nachbarschaft verpflichtet in besonderem Maße zur Reflexion. Eine notwendige, wenn auch keineswegs hinreichende Bedingung historisch gesättigter Reflexion ist das Wissen um die Vorstellungen, die den Prozeß des Nation-Building prägten. Daraus entstand die Idee, sich mit den Reflexionen deutscher Autoren über ihre Nation, über Kultur und Zivilisation bekannt zu machen. Im Mittelpunkt des Interesses der Herausgeber der Reihe steht nicht die Ereignisgeschichte, sondern die Geschichte der Mentalitäten, der bestimmenden Faktoren des nationalen Habitus.
Die Posener Deutsche Bibliothek bringt Texte, die nicht nur auf deutsch verfaßt wurden, sondern auch über die Einstellung ihrer Autoren zur eigenen Gesellschaft und deren Bedingtheit Auskunft geben. Daher steht neben dem Sozialhistoriker der Schriftsteller, der Sozialwissenschaftler, der Philosoph. Die Struktur der Bände ist unterschiedlich. [...]
Die Bibliothek zielt insbesondere auf die Reflexion der Kategorien der ‘langen Dauer’. Hier werden Besonderheiten der neuzeitlichen Entwicklung vermutet: In der verlangsamten Verbürgerlichung, im Konfessionalisierungsparadigma, in der aufklärerischen Staatsphilosophie, in der preußischen und nachpreußischen Rechtskultur, im Pragmatismus des Alltagsbewußtseins, in wechselseitigen Abhängigkeiten von Ideologie und Modernisierung, von Massenkultur und elitärem Denken.“

Orlowski
Prof. Dr. Hubert Orłowski
Professor für Deutsche Literaturgeschichte
Adam-Mickiewicz-Universität Poznań
al. Niepodległości 4
61-874 Poznań
Tel: 0048 829 3540/829 3541
Fax: 0048 829 3539
Mail orlowhub@amu.edu.pl


Mitgliedschaften Prof. Dr. Hubert Orłowski
Korr. Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften;
Redaktions- bzw. Beiratsmitglied von Zeitschriften: Studia Germanica Posnaniensia, Przegląd Zachodni, Studia Historica Slavo-Germanica, The German Quarterly, Borussia;
Mitglied des Kuratoriums des Instituts für Deutschlandforschung der Ruhr-Universität Bochum (1998)
Vorsitzender des Wissenschaftsrates des Westinstituts
(Instytut Zachodni), Posen


Stipendien, Gastprofessuren, Auszeichnungen
Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung (1976-77);
Preis des Ministers für Wissenschaft, Hochschulwesen und Technik, zuerkannt für die Monographie “Literatura w III Rzeszy” (1976);
Preis der Zeitschrift “Życie Literackie”, verliehen für die Monographie “Literatura w III Rzeszy” (1976);
Jacob- und Wilhelm-Grimm-Preis (1980);
Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse (1984);
Gastprofessor an der Christian-Albrechts-Universität Kiel (1984-85);
Preis des Ministers für Wissenschaft und Hochschulwesen,
zuerkannt für Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses (1986);
Gastprofessor an der Karl-Franzens-Universität Graz (1987-88);
Goethe-Medaille für hervorragende Verdienste um die deutsche Sprache im Ausland und die Förderung der internationalen Kulturbeziehungen (Goethe-Institut, 1990);
Förderpreis für deutsche Sprache und Literatur in Mittel- und Osteuropa der Alexander von Humboldt-Stiftung (1993);
Medaille der Kommission für Volksbildung;
Preis des Ministers für Volksbildung, zuerkannt für die Monographie “Polnische Wirthschaft”. Zum deutschen Polendiskurs der Neuzeit (1997);
KLIO-Preis der Verlegergemeinschaft des Historischen Buches, zuerkannt für die polnische Fassung der Monographie “Polnische Wirthschaft”. Nowoczesny niemiecki dyskurs o Polsce (1998);
Samuel-Bogumil-Linde-Preis der Städte Torun-Göttingen (2004)


Ausgewählte Publikationen
Z modernizacją w tle. Wokół rodowodu nowoczesnych niemieckich wyobrażeń o Polsce i Polakach (Modernisierung als Hintergrund. Über die Wurzeln deutscher neuzeitlicher Vorstellungen über Polen und die Polen), 2002;
Zrozumieć świat. Szkice o literaturze i kulturze niemieckiej XX wieku (Die Welt verstehen. Über deutsche Literatur und Kultur im 20. Jh.), 2003;
Za górami, za lasami… O niemieckiej literaturze Prus Wschodnich 1863-1945 (Hinter sieben Bergen… Über deutsche Regionalliteratur in Ostpreussen 1863-1945), 2003;
Die Lesbarkeit von Stereotypen. Der deutsche Polendiskurs im Blick historischer Stereotypenforschung und historischer Semantik 2004, 22005
Poznańska Biblioteka Niemiecka (Posener Deutsche Bibliothek) 1996-2007, hrsg. von Hubert Orłowski und Christoph Kleßmann
Norbert Elias: Rozważania o Niemcach. Zmaganie o władzę a habitus narodowy i jego przemiany w XIX i XX wieku (Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jh.), Einleitung: Jürgen Kocka, 1996, 577 ss.
Walter Benjamin: Anioł historii. Eseje, szkice, fragmenty (Der Engel der Geschichte), Auswahl und Einleitung: Hubert Orłowski, 1996, 425 ss.
Wolf Lepenies: Trzy kultury. Socjologia między literaturą a nauką (Die drei Kulturen. Soziologie zwischen Literatur und Wissenschaft), Einleitung: Hubert Orłowski, 1997, 525 ss.
Jürgen Kocka: O historii społecznej Niemiec (Zur Gesellschaftsgeschichte Deutschlands), 1997, 476 ss.
Gottfried Benn: Po nihilizmie Eseje, szkice (Nach dem Nihilismus), Auswahl und Einleitung: Hubert Orłowski, 1998, 377 ss.
Rewolucja konserwatywna w Niemczech 1918-1933 (Konservative Revolution in Deutschland 1918-1933), Auswahl und Einleitung: Wojciech Kunicki, 1999, 655 ss.
Christoph Kleßmann: Sporne problemy współczesnej historii Niemiec. Studia i Szkice (Kontroverse Zeitgeschichte. Studien), 1999, 360 ss.
Trzecia Rzesza, nazizm a procesy modernizacji. Studia i szkice (Drittes Reich, Nationalsozialismus und Modernisierungsprozesse. Studien und Beiträge), Auswahl und Einleitung: Hubert Orłowski, 2000, 686 ss.
Cenzura w Niemczech w XX wieku. Studia, analizy, dokumenty (Zensur in Deutschland im 20. Jahrhundert. Studien, Analysen, Dokumente), Auswahl und Einleitung von Czesław Karolak 2000, 475 ss.
Przestrzeń i polityka. Z dziejów niemieckiej myśli politycznej (Raum und Politik. Aus der Geschichte politischen Denkens in Deutschland), Auswahl und Einleitung: Anna Wolff-Powęska und Eberhard Schulz, 2000, 705 ss.
Hans-Adolf Jacobsen: O imperatywie pokoju. O niemieckiej historii i polityce w XX wieku (Vom Imperativ des Friedens. Zur deutschen Geschichte und Politik im 20. Jahrhundert), Einleitung: Mieczysław Tomala, 2000, 583 ss.
Reinhart Koselleck: Semantyka historyczna. Studia (Historische Semantik. Studien), Auswahl und Einleitung: Hubert Orłowski, 2001, 565 ss.
Państwo a społeczeństwo. Wizje wspólnot niemieckich od oświecenia do okresu restauracji, (Staat und Gesellschaft. Vorstellungen von deutschen Gemeinschaften von der Aufklärung bis zur Restauration), Auswahl und Einleitung: Tadeusz Namowicz, 2001, 605 ss.
Kultura techniki. Studia i szkice (Die Kultur der Technik. Studien und Skizzen), Auswahl und Einführung: Erhard Schütz, 2001, 509 ss.
Peter Steinbach: Opór – sprzeciw – rezystencja. Postawy społeczności niemieckiej w Trzeciej Rzeszy a pamięć zbiorowa (Widerstand, Widerspruch und Resistenz im Dritten Reich und die Erinnerung der Deutschen), 2001, 508 ss.
Thomas Mann: Moje czasy. Eseje i szkice (Meine Zeit. Essays und Skizzen). Auswahl und Einleitung: Hubert Orłowski, 2002, 482 ss.
Polacy i Niemcy. Historia – kultura – polityka (Deutsche und Polen. Geschichte – Kultur – Politik), Hrsg. von Andreas Lawaty und Hubert Orłowski, 2003, 706 ss.
Europejskie wizje niemieckich pisarzy w XX wieku (Europavisionen deutscher Schriftsteller im 20. Jh.), Auswahl und Einleitung: Leszek Żyliński, 2003, 333 ss.
Opowiadanie historii w niemieckiej refleksji teoretycznohistorycznej i literaturoznawczej od oświecenia do współczesności (Historisches Erzählen in der deutschen geschichts- und literaturtheoretischen Reflexion von der Aufklärung bis in die Gegenwart), Auswahl, Übersetzung und Einleitung: Jerzy Kałążny, 2003, 660 ss.
Max Weber: Racjonalność, władza, odczarowanie (Rationalität, Herrschaft, Entzauberung), Auswahl, Einleitung, Übersetzung: Marian Holona, 2004, 236 ss.
Praeceptores. Teologia i teologowie języka niemieckiego (Praeceptores. Theologie und Theologen der deutschen Sprache), Auswahl, Redaktion und Einleitung: Eligiusz Piotrowski und Tomasz Węcławski, 2005, 794 ss.
Walter Eucken: Podstawy polityki gospodarczej (Grundsätze der Wirtschaftspolitik), Einleitung: Peter Steinbach, Übersetzung: Jerzy Kałążny, 2005, 446 ss.




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