28.06.2006 :: Berlin Wissenschaftszentrum :: Polen und Deutschland - Statement Ziemer

Vergangenheit und Identität im europäischen Einigungsprozess

Der europäische Einigungsprozess ist auf der staatlichen Ebene trotz vieler Hindernisse erstaunlich weit gekommen. Haben die Gesellschaften mit diesem Annäherungsprozess Schritt gehalten? Die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Deutschland und Polen in den letzten Jahren wirft dabei Fragen auf, die über die bilateralen Beziehungen hinaus von Bedeutung sein können.

In den politischen Beziehungen ist der vom Ende des 18. bis weit die in zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts dominierende deutsch-polnische Antagonismus seit 1989 durch Kooperation, ja „Interessengemeinschaft“ abgelöst worden, die durch enge bi- und multilaterale Verflechtungen im wirtschaftlichen und militärischen Bereich strukturell verfestigt ist. Welche Faktoren bestimmen dabei die eigene nationale Identität und die Wahrnehmung des Partners? Hier lassen sich zum Teil beträchtliche Asymmetrien sowohl innerhalb der beiden Gesellschaften als auch zwischen ihnen beobachten. Dies betrifft zum Beispiel die Intensität der Kenntnis des Nachbarn oder das Gewicht, das der Geschichte beigemessen wird.

Beide Gesellschaften haben nach dem Zweiten Weltkrieg ihre jeweiligen „Ostgebiete“ verloren. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen um die nationale Herkunft bestimmter Kulturgüter in den früheren deutschen Ostgebieten ist es zwischen deutschen und polnischen Kunsthistorikern in den letzten Jahren zu einem Paradigmenwechsel hin zum Begriff des „gemeinsamen Kulturerbes“ gekommen – ein mögliches Vorbild auch für die multikulturell geprägten Gebiete östlich der heutigen polnischen Grenze? Aus welcher Perspektive wird in Zukunft die Geschichte Schlesiens oder Pommerns gesehen, aus der jeweils nationalen, der regionalen oder einer anderen? Welche Bedeutung besitzen die früheren deutschen Ostgebiete für das deutsche Selbstverständnis, welche für die deutsch-polnischen Beziehungen? Zwischen beiden Gesellschaften haben in den letzten eineinhalb Jahrzehnten in verschiedenen Bereichen spürbare Annäherungsprozesse stattgefunden, auch wenn es einige gegenläufige Bewegungen gegeben hat. Diese Annäherung ist zwar elitenlastig, könnte aber doch Vorbildcharakter gewinnen für die Neugestaltung des Verhältnisses zwischen anderen Gesellschaften im östlichen Europa.

Ziemer
Prof. Dr. Klaus Ziemer
Professor für Politikwissenschaft, Trier
Direktor Deutsches Historisches Institut Warschau
Palac Karnickich
Aleje Ujazdowskie 39
PL 00-540 Warszawa
Tel: 0048-22-525 83-01
Fax: 0048-22-525 83 37
Mail ziemer@dhi.waw.pl
Web http://www.dhi.waw.pl

INFO
Rede von Bundesaußenminister Fischer anlässlich der Verleihung des Deutsch-Polnischen Preises 2004 in Warschau


Vita Prof. Dr. Klaus Ziemer
geb. 1946 in Heidelberg;
1966-72 Studium in Politikwissenschaft, Geschichte und Latein an den Universitäten Heidelberg und München; Staatsexamen (1970/72);
1972-73 Auditeur Libre du Troisième Cycle an der Fondation Nationale des Sciences Politiques, Paris;
1973-87 Wiss. Assistent an der Universität Heidelberg;
1977 Promotion zum Dr. phil. an der Universität Heidelberg;
1985 Habilitation in Politischer Wissenschaft an der Universität Heidelberg;
1986-91 Lehrstuhlvertretungen an den Universitäten Essen, München, Mannheim und Trier;
ab 1991 Professor für Politikwissenschaft an der Universität Trier;
ab 1998 Direktor des Deutschen Historischen Instituts Warschau und Professor für Politikwissenschaft an der Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität in Warschau


Arbeitsgebiete
20. Jahrhundert
Polnische Zeitgeschichte
Beziehungen DDR – Polen


Ausgewählte Publikationen
(Hrsg.) Sozialistische Systeme. Politik – Wirtschaft – Gesellschaft (Pipers Wörterbuch zur Politik, Band 4), München/Zürich 1986, Paperback-Ausgabe 1989.
Die DDR – Polens ungeliebter, aber notwendiger Partner, in: Das Profil der DDR in der sozialistischen Staatengemeinschaft. Zwanzigste Tagung zum Stand der DDR-Forschung in der Bundesrepublik Deutschland. 9. bis 12. Juni 1987, Köln 1987, S. 46-58.
Polens Weg in die Krise. Eine politische Soziologie der “Ära Gierek”, Frankfurt/M. 1987.
Auf dem Weg zum Systemwandel in Polen, in: Osteuropa 39 (9 und 11/12), 1989.
Probleme des politischen Systemwechsels der Republik Polen. Eine Zwischenbilanz nach drei Jahren, in: Jahrbuch für Politik 3 (1), 1993, S. 93-123.
Ausgangsbedingungen für den politischen und wirtschaftlichen Transformationsprozeß in Südost- und Ostmitteleuropa. Gemeinsamkeiten und Unterschiede, in: Südosteuropa 45 (2-3), 1996, S. 99-115.
(Hrsg. /Mitverfasser) Forschung und Lehre Ostmitteleuropas im Umbruch. Sozialwissenschaften in der Transformation, Marburg 1996.
(Hrsg. mit D. Nohlen und P. Waldmann) Lexikon der Politik, Band 4: Die östlichen und südlichen Länder, München (Beck) 1997.
Jedność Europy – mity i realia polityczne (Die Einheit Europas – Mythen und politische Realitäten), in: Więź 4 (468), April 1999, S. 32-41, abgedruckt in: Aniela Dylus (Hrsg.), Europa. Drogi integracji, Warszawa 1999 (Studium Generale Europa, Uniwersytet Kardynała Stefana Wyszyńskiego), S. 24-32.
Grenzen der Wahrnehmung. Das deutsche Polenbild in den letzten 200 Jahren, in: Norbert H. Weber (Hrsg.): Die Oder überqueren, Frankfurt/M. (IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation) 1999, S. 56-70.
Wie konsolidiert ist Polens Demokratie?, in: Andreas Busch/ Wolfgang Merkel (Hrsg.): Demokratie in Ost und West. Für Klaus von Beyme. Frankfurt/M 1999, S. 332-360.
(Mitherausgeber mit Włodzimierz Borodziej) Deutsch-polnische Beziehungen 1939-1945-1949. Eine Einführung, Osnabrück 2000, 348 S.
(Hrsg./Mitverfasser) Die Neuorganisation der politischen Gesellschaft. Staatliche Institutionen und intermediäre Instanzen in postkommunistischen Staaten Europas, Berlin 2000, 263 S., Osteuropaforschung, Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde, Bd. 40.
Die Volksrepublik Polen in den Augen der SED-Führung in den achtziger Jahren, in: Instytut Studiów Politycznych PAN (Hrsg.), Polska – Niemcy – Europa. Księga Jubileuszowa z okazji siedemdziesiątej rocznicy urodzin Profesora Jerzego Holzera, Oficyna Wydawnicza Rytm, Warszawa 2000, S. 593-626.
(Hrsg. /Mitverfasser): Schwierige Nachbarschaften. Die Ostpolitik der Ostmitteleuropäer, Marburg 2001, 219 S.
Der Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg in der deutschen Nachkriegsgesellschaft, in: Polska – Niemcy. Nadzieja i zaufanie. Księga Jubileuszowa na 80-lecie Urodzin Profesora Mieczysława Tomali, Fundacja Politeja, Warszawa 2002, S. 543-562.
(Hrsg./Mitverfasser): Wahlen in postsozialistischen Staaten, Opladen 2003, 380 S.
Totalitarian and Authoritarian Regimes in Europe. Legacies and Lessons from the Twentieth Century, (hrsg. zusammen mit Jerzy Borejsza), New York/Oxford 2006, 607 S.




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