30.11.2006 :: Bonn Kunstmuseum :: Evolution - Mensch - Sprache - Statement Haarmann

Der lange Weg zur komplexen Sprache
Sprache ist wohl das effektivste Zeichensystem, das sich der Mensch für die Konstruktion seiner kulturellen Umwelt geschaffen hat. Die Geschichte von Sprache beginnt nicht erst mit dem modernen Menschen (Homo sapiens sapiens), obwohl dies von manchen Archäologen und Anthropologen bis heute behauptet wird. Unsere Hominiden-Spezies taucht nach humangenetischen Rekonstruktionen um 150 000 Jahre vor der Jetztzeit auf. Die Fähigkeit, sprachliche Laute zu produzieren, ist allerdings wesentlich älter.

Sprachfähigkeit hat der archaische Mensch (Homo sapiens neanderthalensis) mit Sicherheit besessen. Dies kann man allein aus der Existenz des sogenannten Sprachknochens schließen, ein Charakteristikum des Skelettbaus sowohl des modernen als auch des archaischen Menschen. Diese spezielle Komponente im Skelettbau des Neandertalers war eine Entdeckung des Jahres 1989 in Kebara (Israel). Nach neuesten neurobiologischen Erkenntnissen konnte der Neandertaler insgesamt elf Sprachlaute unterscheiden, was eine Kommunikation in einer rudimentär entwickelten Proto-Sprache ermöglichte.

Der moderne Mensch verwendet ”komplexe” Sprache mit einer entsprechend verfeinerten Ausdifferenzierung des Lautsystems, der grammatischen Strukturen, des Wortschatzes und der Strategien verbalen Handelns. Vorstellungen von der Existenz ”primitiver” Sprachen beruhen auf einem Vorurteil, denn selbst die Kommunikationsmedien von Jägern und Sammlern der Neuzeit (z.B. der Yanomami in der Amazonas-Region, der Veddah in Sri Lanka oder der Are in Papua-Neuguinea) sind hochspezialisierte mentale Werkzeuge, die sich lokalen ökologischen Bedingungen ideal anpassen.

Die Fähigkeit, komplexe Sprache zu verwenden, ist aufs Engste mit einer Reihe anderer mentaler Kapazitäten und neurologischer Zustände verkoppelt, von denen einige bereits im evolutiven Profil früherer Hominiden auftreten, aber erst in unserer Spezies eine hochgradige Effektivität erreicht haben. Hierzu gehören die folgenden Phänomene:

Symbolische Tätigkeit (mindestens 1 Mio. Jahre alt; nachgewiesen für Homo erectus, für den archaischen Menschen und für den modernen Menschen);
Bewusstsein (als Primärbewusstsein postuliert für den archaischen Menschen; als Bewusstsein höherer Ordnung entwickelt im modernen Menschen);
Identität (als Prozess der Identifizierung des ”Selbst-Seins” vom ”Anders-Sein” sowie der Differenzierung kognitiver Zeitdimensionen wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gebunden an ein Bewusstsein höherer Ordnung);
Intentionalität (als Strategie der Wissensbildung auf zwei Bahnen – Lernen aus Erfahrung und Planen für die Zukunft – voll ausgebildet nur beim modernen Menschen).

Auf dem Kontinuum kultureller Evolution haben sich diese Fähigkeiten und Zustände – einschließlich der Sprachfähigkeit – nicht in Aufeinanderfolge entfaltet, sondern synchron in evolutiven Schüben, als Reaktion auf die Herausforderungen, die die Umwelt an die Anpassungsfähigkeit des Menschen gestellt hat. Für die Evolution von Sprache sind neuerlich vier Grundstadien, von der Proto-Sprache zur komplexen Sprache, postuliert worden.

Haarmann
Dr. phil. habil. Harald Haarmann
Unioninkatu 6 A 1
00130 Helsinki
Finnland
E-mail harald.haarmann@pp.inet.fi

Vita
Harald Haarmann (* 1946) ist deutscher Sprach- und Kulturwissenschaftler, er lebt und arbeitet in Finnland.



Er studierte Allgemeine Sprachwissenschaft, verschiedene philologische Einzeldisziplinen und Vorgeschichte an den Universitäten von Hamburg, Bonn, Coimbra und Bangor.


Er lehrte und forschte an verschiedenen deutschen und japanischen Universitäten und ist Mitglied im Forscherteam des Forschungsinstituts für Mehrsprachigkeit in Brüssel. Seit 2003 ist er Vizepräsident des “Institute of Archaeomythology” (Hauptsitz Sebastopol, USA) und Direktor von dessen “European Branch” (Luumäki, Finnland).


Harald Haarmann ist Autor von mehr als 40 Büchern in Deutsch, Englisch, Spanisch, Japanisch, Chinesisch, Italienisch, von fast 200 Artikeln und Essays in zehn Sprachen. Er hat rund 20 Sammelbände herausgegeben. Seine aktuellen Forschungsgebiete sind Kultur- und Sprachkontakte, Schriftgeschichte, Sprachevolution, Archäomythologie und Religionsgeschichte.


Für seine Arbeit erhielt er den Prix logos (1999) der Association européenne des linguistes et des professeurs de langues (Paris) und den Premio Jean Monnet (1999) im Bereich Essayliteratur.
2002 wurde ihm die “American Medal of Honor” und 2006 der “Plato Award” verliehen.

Ausgewählte Publikationen
Weltgeschichte der Sprachen. Von der Frühzeit des Menschen bis zur Gegenwart. München: Becksche Reihe, Band 1703.
ISBN 3-406-55120-3 (2006)


Lexikon der untergegangenen Völker. Von Akkader bis Zimbern. München: Becksche Reihe, Band 1643.
ISBN 3-406-52817-1 (2005)

Kleines Lexikon der Völker. Von Aborigines bis Zapoteken. München: Becksche Reihe, Band 1593.
ISBN 3-406-51100-7 (2004)

H. Haarmann “Evolution, language, and the construction of culture”, in: Wuketits, Franz M. & Antweiler, Christoph (eds.) “Handbook of evolution, vol. 1: The evolution of human societies and cultures”. Weinheim: Wiley-VCH Verlag 2004, pp. 77-119

Kleines Lexikon der Sprachen. Von Albanisch bis Zulu. München: Becksche Reihe, Band 1432.
ISBN 3-406-47558-2 (2001)

Lexikon der untergegangenen Sprachen. München: Becksche Reihe, Band 1456. ISBN 3-406-47596-5 (2002)

Geschichte der Sintflut. Auf den Spuren der frühen Zivilisationen. München: Becksche Reihe, Band 1536.
ISBN 3-406-49465-X (2003)

Sprachenalmanach. Zahlen und Fakten zu allen Sprachen der Welt. Frankfurt: Campus.
ISBN 3-593-36572-3 (2002)

Babylonische Welt. Geschichte und Zukunft der Sprachen. Frankfurt: Campus. ISBN 3-593-36571-5 (2001)

Die Kleinsprachen der Welt – Existenzbedrohung und Überlebenschancen. Eine umfassende Dokumentation. Frankfurt, Berlin & New York: Peter Lang.
ISBN 3-631-37173-X (2001)

Geschichte der Schrift. München: C.H. Beck Wissen, Band 2198.
ISBN 3-406-47998-7 (2002)

Universalgeschichte der Schrift. Frankfurt: Campus.
ISBN 3-593-34346-0 (1990, 4. Aufl. 1998)

Die Sprachenwelt Europas. Geschichte und Zukunft der Sprachnationen zwischen Atlantik und Ural. Frankfurt: Campus.
ISBN 3-593-34825-X (1993)

Schwarz – Eine kleine Kulturgeschichte. Frankfurt, Berlin & New York: Peter Lang.
ISBN 3-631-54188-0 (2005)

Religion und Autorität. Der Weg des Gottes ohne Konkurrenz. Hildesheim: Olms.
ISBN 3-487-10507-1 (1998)

Die Madonna und ihre griechischen Töchter. Rekonstruktion einer kulturhistorischen Genealogie. Hildesheim: Olms.
ISBN 3-487-10163-7 (1996)




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