Apropos Polen, Deutschland und Rußland


Wolfgang Büscher reflektiert die Erlebnisse und Begegnungen seiner 82 Wandertagen von Berlin nach Moskau in Rücksicht auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Dabei verschiebt sich der regionale Erinnerungshorizont gleich dem “Osten”, dem er stetig entgegengeht.



...”das hier ist die Grenze der Zukunft. ... Bis hier ist EU, da drüben ist Osten.” Jetzt mußte ich grinsen: Der Osten ist etwas, das keiner haben will. Das sich jeder von der Jacke schnippt wie Vogeldreck. Die Ostjacke verschenken alle gern, sie wird in östlicher Richtung weitergereicht. Hatte ich in Brandenburg gefragt, wo der Osten anfange, war die Antwort gewesen: drüben in Polen natürlich. Fragte ich in Polen, hieß es: Der Osten fängst in Warschau an, na ja, im Grunde gehört Warschau schon dazu. Man versicherte mir, Westpolen und Ostpolen, das könne man nun wirklich nicht vergleichen, das sei doch etwas ganz anderes, ich werde schon sehen, wenn ich erst einmal östlich von Warschau sei. Eine andere Welt – provinzieller, ärmer, dreckiger. Östlich eben. Ostig, wie wir daheim sagen. Zonig. Östlich von Warschau stand die Antwort wiederum außer Zweifel: einfach die Landstraße nach Bialystok hoch. Alles, was links von ihr liegt, westlich, ist katholisch, mithin gut polnisch. Was rechts liegt, ist weißrussisch-orthodox. Wo also beginnt der Osten? Hart rechts von deinem rechten Stiefel. Wo die großen Wälder anfangen und die blassbunten Holzhäuser, das blätternde Blau der Zwiebeltürme, wo einem auf den endlosen, schmalen Landstraßen mehr Pferdewagen entgegenkommen, mit ihren typischen kleinen Gummireifen, der Trab des Pferdes unter dem hölzernen Joch, als Autos. Und vor einer Minute hat mir der Ticketverkäufer die vierte Kontinentalverschiebung plausibel gemacht. Es würde nicht die letzte sein. In Belarus sollte es wieder von vorn losgehen. Natürlich, würde es dort heißen, sei der ehemals polnische Westen des Landes nicht vergleichbar mit dessen immer schon russischem Osten und so weiter und so fort, der Osten wurde weiter und weiter gereicht, von Berlin bis Moskau. Bis kurz vorher, um genau zu sein, denn Moskau, so viel sei vorweggenommen, Moskau ist wieder Westen.

In: Wolfgang Büscher, “Berlin-Moskau. Eine Reise zu Fuß”, Rowohlt Taschenbuchverlag, Sonderausgabe Nov. 2005, S. 61-62.

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Reinhold Vetter, Korrespondent des Handelsblatts in Warschau, kommentiert die aktuelle nationalkonservative Geschichtsdeutung der Brüder Kaczyński in der Zeitschrift für Internationale Politik, Oktober 2006, S. 98 - 105

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