29.09.2005 :: Bonn Kunstmuseum :: Spiegelung und Projektion - Einführung Bender

Was ist der Mensch?
Kaum gestellt, scheint sich diese Frage in den Plural unterschiedlichster Frageperspektiven aufzuchern. Die Frage nach dem Wesen des Menschen wird zu den Fragen nach den vielfältigen kulturellen Bedingungen radikal verschiedenen menschlichen Lebens.

Der Mensch, zugleich Subjekt und Objekt der Wissenschaften, fragt nach seinem Wesen und erkennt dabei immer mehr, wie dieses Fragen und die unterschiedlichen Weise darauf zu antworten, das, wonach gefragt wird, mitformen und verändern. Was sind die Wurzeln der immer nur im Plural und in Übergangen existierenden menschlichen Kultur?

Wie und mit welchen kriminalistischen Methoden befragt die Archäologie ihre Bodenfunde auf die Selbst- und Weltverständnisse, auf die Ängste und Hoffnungen ihrer Urheber? Wie und mit welchen Bezügen zu anderen Wissenschaften entwickelt und reflektiert die Archäologie ihre Interpretationsvoraussetzungen?

Was sind die Strukturmerkmale und Anerkennungskontexte des Lebens als Person? Wie thematisiert die Philosophie die Spannung zwischen dem normativen Universalitätsanspruch auf Menschenwürde und Menschenrecht einerseits und dem kulturwissenschaftlich geschärften Blick auf die historische Kontingenz der Entwicklung der Begriffe von Person und Menschenwürde? Wie spielen die Moral- und Rechtsstandards setzenden und die die Lebensweisen bewertenden Dimensionen der Frage nach dem Menschen als personalem Wesen ineinander? Wie und was wird beschrieben und welches Erklärungsmuster schreibt dem so Beschriebenen welche Beweiskraft für allgemeine Thesen zu?

Wie machen Philologie und Kunstwissenschaft Kunst und Literatur als ausgezeichnete Formen des kulturellen Gedächtnisses und als Orte “experimentellen Probehandelns” (Sigrid Weigel) lesbar? Wie können diese dabei nicht nur Gegenstand, sondern auch Teilnehmer eigener Art des wissenschaftlichen Diskurses werden? Sind die Rollen von Hase und Igel in diesem Spiel klar zugeordnet, wenn die Quellen der Kulturwissenschaft Erfahrungen, Wissen, Hoffnungen und Phantasien spiegeln und zugleich bereits selbst ein Ort der Selbstreflexion und ihrer Deutung durch die Kulturwissenschaften sind?

An diesem Abend pflegen drei Geisteswissenschaftler den Dialog im kleinen und großen Grenzverkehr zu den Disziplinen anderer Fakultäten. Gerade die transdisziplinäre Anschlußfähigkeit ihrer Fragestellungen befördert die genuine Aufgabe der Geisteswissenschaften: die Sicherung mehrfacher Lesbarkeit und Unabgeschlossenheit all dessen, was Menschen in ihren Bedeutungs- und Symbolsystemen hinterlassen und was immer zugleich Medium ihrer Frage nach sich selbst, ihrer auf Dauer gestellten Selbstreflexion ist.

bender
Rüdiger Bender M.A.
Lehrbeauftragter für Philosophie und Kulturwissenschaften
Dresdner Straße 1
99085 Erfurt
ruediger.bender@uni-erfurt.de

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