29.09.2005 :: Bonn Kunstmuseum :: Spiegelung und Projektion - Statement Borsche
Mensch – Person – Subjekt
Zum Forschungsgegenstand der Geisteswissenschaften
Die Philosophie ist keine Geisteswissenschaft. Zu ihren Gebieten zählt nicht weniger die Philosophie der Natur als die Philosophie des Geistes. Alles ist ihr Gegenstand: Geist (in allen seinen Formen), Natur (in allen ihren Reichen) und alles andere; z.B. die Tatsache, daß wir alles in Natur und Geist einzuteilen uns gewöhnt haben.
Philosophie ist Geisteswissenschaft in einem weiteren Verständnis, in dem auch die Natur als betrachtete, die Natur, die wir wahrnehmen und begreifen, erklären und verstehen, ein Gegenstand des Geistes ist, ein symbolischer Gegenstand. Diese Natur (der Begriff, den wir uns von ihr machen) kommt in der Natur (der unbegriffenen Natur an sich) nicht vor, sie lebt allein in der Vorstellung von Menschen, sie ist ein Teil der symbolischen Welten, die Menschen bilden. Gerade deshalb ist die Philosophie ein geeigneter Ort für die notwendigerweise transdisziplinäre Frage nach dem Menschen.
Kein Wort, kein Laut, kein Zeichen hat Bedeutung an sich; auch nicht die drei Worte, um die sich unsere Diskussion bewegen soll: Mensch, Person, Subjekt. Aber wir alle verstehen diese drei Worte. Vermutlich können wir uns sogar rasch darauf einigen, daß wir die Dinge, für die diese drei Worte stehen, unterscheiden können und auch wollen. Ich schlage folgende Unterscheidungen vor, die dann gelungen sind, wenn sie als Ausgangsbasis für eine Sachdiskussion plausibel und akzeptabel, möglichst sogar selbstverständlich erscheinen.
MENSCH gehört in die Sphäre der Natur (Biologie) und bezeichnet eine Tierart bzw. deren Individuen mit möglicherweise besonderen spezifischen Eigenschaften.
PERSON gehört eher in die Sphäre von Recht und Moral – es ist nicht leicht zu sagen, was sie ist.
SUBJEKT bezeichnet den Ursprung von Akten in Denken und Handeln. (Das ist neuzeitlich und deutsch gesagt, mittelalterlich und englisch bezeichnet subject den Gegenstand einer Handlung.)
Mensch und Person werden oft gleichbedeutend gebraucht. Die Fälle sind häufig, in denen es auf einen Unterschied zwischen ihnen nicht ankommt; besonders dann nicht, wenn wir zählen. In der Regel gilt die Menge der Menschen als identisch mit der Menge der Personen, die Extension der Begriffe scheint gleich zu sein: Alle M sind P, alle P sind M.
Interessant sind daher gerade die Unterschiede.
(a) Nicht alle Personen sind Menschen: Täglich haben wir es mit sog. nicht natürlichen Personen zu tun, die Rechtssubjekte sind wie wir: Firmen, Institutionen, Körperschaften. Diese besitzen alle Eigenschaften von Personen, nur nicht die Menschennatur. (Ist das ein Irrtum?)
(b) Nicht alle Menschen sind Personen: Die Geschichte ist voll von Beispielen dafür, da� Menschen als rechtlos galten, also nicht als Personen anerkannt wurden. (Ist das böse?)
Diese Fragen kann nur beantworten, wer zuvor (für sich) geklärt hat, was er/sie unter Mensch und Person versteht, und zwar intentional. Zu dieser Vorfrage werden einige Thesen referiert, erläutert und begründet, die vielleicht nicht ganz so selbstverständlich sind wie die einleitenden Namenerklärungen.
Prof. Dr. Tilman Borsche
Professor für Philosophie
Universität Hildesheim
Institut für Philosophie
Marienburger Platz 22
31141 Hildesheim
Tel. 05121 883 462
E-Mail: borsche@rz.uni-hildesheim.de
www.uni-hildesheim.de
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